Nina hat gezählt. Vier Stellen, immer dieselben. Die Hecke am ersten Gartenzaun, in der irgendetwas raschelt. Die Ecke am Spielplatz, wenn Kinder da sind. Der Hof mit dem Schäferhund hinter dem Tor. Und der Bahnübergang, an dem Lotte jedes Mal so tut, als wäre der Zug hinter ihr her. Dazwischen geht Lotte ganz brauchbar, zieht ein bisschen, schaut viel. Nach einer Dreiviertelstunde kommen beide heim. Und Lotte schläft nicht, sondern läuft in der Wohnung herum.
„Die muss halt lernen, dass du vorne gehst“, sagt Tom beim Abendessen.
Das klingt vernünftig, und es ist trotzdem der falsche Ansatz. Nicht weil Tom unrecht hätte, dass Lotte etwas lernen muss. Sondern weil die Frage, wer vorne geht, mit dem Problem wenig zu tun hat.
Wofür der Spaziergang da ist
Du gehst spazieren, um dich zu bewegen, Luft zu schnappen, vielleicht zu telefonieren. Dein Hund geht spazieren, um zu lesen. Mit der Nase. Der bekannte Weg ist für ihn der Ort, an dem er nachschauen darf, wer sich hier aufgehalten hat. Jede Hecke, jeder Pfosten, jeder Grasbüschel ist eine Nachricht. Schnüffeln ist deshalb keine Störung des Spaziergangs. Es ist der Spaziergang.
Und es hat eine zweite Wirkung, die für dich noch wichtiger ist. Schnüffeln, Suchen und Erkunden senken die Erregung. Ein Hund, der zehn Minuten mit der Nase im Gras war, ist ein ruhigerer Hund als einer, der zehn Minuten stramm neben dir marschiert ist. Wenn du Lotte am Bahnübergang gelassener haben willst, dann fängt das nicht am Bahnübergang an. Es fängt bei der Hecke an, in der sie schnüffeln darf.
Hier endet dieser kurze Leseausschnitt.